Sprint folgt auf Sprint, Roadmaps werden quartalsweise neu geschrieben und kaum ist ein Projekt stabil, kommt die nächste Priorisierung. Viele Projektmanager:innen kennen dieses Gefühl: "Wir arbeiten schneller als je zuvor, aber jede freie Minute füllt sich von ganz allein mit neuen Themen."

Doch liegt das wirklich daran, dass Projekte heute komplexer sind? Oder folgen wir einer Beschleunigungsdynamik, die sich selbst verstärkt?

Dieser Beitrag wirft einen Blick darauf, warum Projektarbeit sich zunehmend wie ein endloser Dauerlauf anfühlt und was man im Projektmanagement tun kann, um damit konstruktiv umzugehen.

Beschleunigung ist mehr als nur Geschwindigkeit

Wenn wir über Beschleunigung sprechen, meinen wir selten nur „schneller arbeiten“. Im Projektkontext zeigt sich Beschleunigung vor allem durch:

  • immer kürzere Planungs- und Entscheidungszyklen

  • häufige Richtungswechsel während der Umsetzung

  • steigende Kommunikations- und Abstimmungsdichte

Projekte laufen nicht einfach schneller, sie verändern permanent ihre Richtung. Genau diese Dynamik erzeugt das Gefühl von Dauerstress. Interessanterweise ist diese Dynamik unabhängig davon, wie effizient Teams eigentlich arbeiten.

Warum bessere Tools Projekte nicht entspannen

Projektmanagement-Tools, agile Frameworks und Automatisierung versprechen Entlastung. Aufgaben werden transparenter, Abstimmungen schneller, Fortschritt messbarer. Paradoxerweise führt das jedoch selten zu mehr Ruhe.

Der Grund: Effizienzgewinne senken nicht den Arbeitsdruck, sondern erhöhen die Erwartungen. Wenn ein Team schneller liefern kann, wird es schneller beauftragt. Wenn Abstimmung einfacher wird, wird mehr abgestimmt. Aus Möglichkeiten werden Anforderungen.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt dieses Phänomen als soziale Beschleunigung: Technischer Fortschritt erzeugt keinen Zeitgewinn, sondern neue Verpflichtungen.

 

Drei Ebenen der Beschleunigung im Projektmanagement

In Hartmut Rosas Modell gibt es verschiedene Beschleunigungstypen, die sich gut auf die Projektarbeit übertragen lassen:

1. Technische Beschleunigung


Digitale Tools, Automatisierung, KI-gestützte Planung – Projekte lassen sich schneller starten, steuern und skalieren als je zuvor.

Wichtig: Diese Art von Beschleunigung sorgt dafür, dass wir dieselben Tätigkeiten in kürzerer Zeit durchführen können, technische Beschleunigung ist demnach nicht der Grund für mehr Zeitdruck und steht zu Unrecht in der Kritik.

2. Beschleunigung des Wandels


Anforderungen ändern sich während der Umsetzung. Strategien werden angepasst, Märkte drehen sich, Stakeholder wechseln ihre Prioritäten. Planung wird zunehmend vorläufig.

Diese Art von Beschleunigung macht die Zeitersparnisse der technischen Beschleunigung zunichte.

3. Beschleunigung des Arbeitstempos


Mehr Meetings, mehr parallele Initiativen, kürzere Deadlines. Arbeit verdichtet sich, ohne dass sie klarer wird.

Die Beschleunigung des Arbeitstempos ist ein Coping-Mechanismus, um mit der Beschleunigung des Wandels umzugehen.

4. Rasender Stillstand

Ein eigener Zustand, der zu vermeiden ist. Es muss immer ein konkretes Ziel verfolgt werden. Niemand fasst es passender zusammen als der römische Philosoph Seneca:

„Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der Richtige.“

Um Projekte nachhaltig zu entschleunigen, muss man also bei der Beschleunigung des Wandels, den sich kontinuierlich ändernden Rahmenbedingungen und Stakeholder-Prioritäten ansetzen.

 

Warum machen wir nicht alle etwas langsamer?

Wer nun zu seinen potenziellen Kunden geht und sagt „wir entspannen uns jetzt alle und nehmen uns mehr Zeit, bis das Produkt live geht“ wird entweder den Auftrag an jemanden verlieren, der sich dem Zeitdruck stellt, oder mittelfristig den Konkurrenzkampf im Kapitalismus gegen andere Unternehmen verlieren, welche schneller die Produkte auf den Markt bringen, vorausgesetzt die Qualität ist gleich.

Und damit kommen wir zum zentralen Punkt dieses Beitrags:

Entschleunigung in Unternehmen kann nur temporär sein und muss die Qualität steigern

Beschleunigung und Arbeit am Anschlag ist auf kompetitiven Märkten keine Wahl, sondern ein Zwang, der durch die Konkurrenz erzeugt wird. Wer jedoch keine „Entschleunigungsoasen“ fest in die Projektzyklen einbaut, damit sich die Beteiligten erholen können, riskiert das Ausbrennen des gesamten Teams.

Die Tools dafür sind vielseitig, im agilen Umfeld gibt es zum Beispiel regelmäßige Retrospektiven und Refactoring-Sprints, die als natürliche Entschleunigungsoase dienen, weil sie den Blick auf die bekannte Vergangenheit statt auf die unsichere Zukunft richten.
Damit tragen diese Tools fundamental zur Entschleunigung bei, und sollten nicht aus „Zeitgründen“ vernachlässigt werden. Die kurzfristigen Mehrwerte werden schnell von dem nachhaltigen Produktivätsverlust übertrumpft.

 

Warum man Beschleunigung Projektübergreifend denken muss

Wenn Menschen in mehreren Projekten gleichzeitig unterwegs sind, wird oft jede Auslastungslücke in einem Projekt durch mehr Arbeit in einem alternativen Projekt gefüllt und die stressfreien Phasen überlappen sich höchstens zufällig.

Wer langfristig leistungsfähig im Team agieren will, muss immer Projektübergreifend planen und auch wenn es vermieden werden sollte kritische Phasen mehrerer Projekte zeitgleich von denselben Personen abhängig zu machen, sollte es doch gezielt geplant werden, erholsame Zyklen so weit wie möglich zu überlappen, so kann man Energie tanken und ist für die unausweichliche Beschleunigung gewappnet.

Titelbild: Jonathan Petersson von Pexels